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02.12.2020

Wo beginnt Gewalt? Teenager müssen lernen, Grenzen zu setzen und Haltung zu entwickeln

Digitale Fachtagung widmete sich den vorbeugenden Strategien häuslicher Gewalt

Das Bündnis „Wir gegen Gewalt“ im Kreis Rendsburg-Eckernförde veranstaltete am 30.11.2020 eine digitale Fachtagung zu den Themen „Strategien zur Prävention von häuslicher und partnerschaftlicher Gewalt, Opferschutz und Täterarbeit“. Neben dem Rendsburger Frauenhaus der Brücke gehörten zu den Organisatorinen die Kreispräsidentin Dr. Juliane Rumpf, die Gelichstellungsbeauftrage des Kreises Silvia Kempe-Waedt, die !Via Frauenberatung, das Kinderschutzzentrum Kiel, der Deutsche Kinderschutzbund, die Beratungsstelle im Packhaus sowie der Pro Familia-Landesverband S-H.

Digitale Fachtagung in Rendsburg

v.l.: Mareike von Elsacker (!Via Frauenberatung), Gleichstellungs-beuaftragte des Kreises Silvia Kempe-Waedt, Kreispräsidentin Dr. Juliane Rumpf, Frauenhausleiterin Andrea Gonschior (Brücke)

Das Impulsreferat hielt die Psychologin Dr. Iris Stahlke (Universität Bremen) mit dem Titel „Prävention und Intervention bei Gewalt in Teeangerbeziehungen“. „Von Gewalt in Teenagerbeziehungen sind Mädchen und Jungen betroffen, sexualisierte Grenzverletzungen erleben Mädchen häufiger“, erläuterte Dr. Iris Stahlke. Im Teenageralter suchten die Jugendlichen nach der eigenen Identität. Dabei gehe es auch um Liebe, oftmals die erste große Liebe. Doch es gebe in dieser Zeit auch sehr viel Verunsicherung. Früher erworbene Geschlechterstereotype würden infrage gestellt und weiterentwickelt. Insbesondere bei Mädchen gebe es oftmals eine tragische Ambivalenz. Auf der einen Seite wollen sie in ihren ersten Liebesbeziehungen Grenzen setzen und zugleich gebe es andere „Vorbilder“ im Internet. Die Mädchen fragen dann: „Muss ich das für meinen Freund machen?“ Das zeige schon, wie vieles in dem Alter noch völlig unklar sei, insbesondere wieviel Recht es auf selbstbestimmte Beziehungsgestaltung und selbstbestimmte Sexualität gebe, so Dr. Stahlke.

„Thematisiert werden daher in der Präventionsarbeit die Frage, wo Gewalt für Mädchen beginnt und wo für Jungen und auch die Frage, wie Gewalt entsteht, denn sie kommt ja nicht aus dem Nichts“, erläuterte Dr. Iris Stahlke. „Meistens entwickelt sich eine Beziehung in vielen kleinen Schritten hin zu einer gewalttätigen Beziehung (Kontrolle und Isolierung spielen dabei eine große Rolle). Jugendliche müssen erkennen, wann ihre persönliche Grenze überschritten ist, um zu begreifen, wo für sie die Gewalt anfängt.“ Es gehe darum, eine Sensibilität, Einstellung und Haltung zu entwickeln, die es ihnen ermögliche, sich anbahnende Gewalt in der Beziehung frühzeitig wahrzunehmen und anschließend aus der Situation herauszugehen. „Jugendliche müssen sich klar machen, dass z. B. Ohrfeigen und Schubsen keinesfalls zu einer Beziehung dazu gehören“, ergänzte die Referentin.

Andrea Gonschior, Leiterin des Rendsburger Frauenhauses, bilanzierte die Beiträge der Fachtagung: „Neben dem Ausbau von Frauenhausplätzen und Kapazitäten in der Frauenfachberatung gilt es einen Fokus auf Prävention zu setzen, damit häusliche Gewalt nicht erst entsteht.“ - Die Präventionsarbeit benötige eine finanzielle Absicherung, ohne die die Arbeit nicht nebenbei geleistet werden kann, stellen alle Fachleute an dem Abend fest. „Zudem sind wiederholte Angebote im Laufe der Kindheit und Jugend wichtig, um nachhaltig wirken zu können“, so Mareike von Elsacker. Konkret hat die !VIA Frauenfachberatung ein Präventionskonzept für die Schulen erarbeitet und sucht nun nach finanzieller Unterstützung.

„Die Veranstaltung hat gezeigt, wie wichtig die Vernetzung der handelnden Akteure vor Ort ist und dass man viel voneinander lernen kann, um gemeinsam gute Strategien gegen häusliche Gewalt zu entwickeln“, so Dr. Juliane Rumpf.